aus aktuellem Anlass...

BfHD Newsticker 31. Juli 2015 - Brief von der 1. Vorsitzenden Ruth Pinno


Stand der Dinge

Liebe Mitgliedsfrauen, ich habe gerade diesen Text für das HI geschrieben, und so viel ich auch hin und her überlege: Das ist der aktuelle Stand, besser oder anders kann ich es nicht schreiben, und ich denke, dass Euch das einen guten Überblick gibt. Wir halten Euch weiterhin auf dem Laufenden:

 

Liebe Mitgliedsfrauen, MitstreiterInnen und Interessierte,

 

seit der letzten HI-Ausgabe sind wir in Sachen Berufspolitik geradewegs in Richtung Schiedsstelle unterwegs gewesen. Zur Erinnerung: GKV und Hebammenverbände konnten sich am Ende der Vertragsverhandlungen über den neuen Rahmenvertrag zur freiberuflichen Hebammenhilfe nicht darüber einigen, wie die Frage der Ausschlusskriterien für Geburten im häuslichen Umfeld zu beurteilen ist, und man konnte sich auch nicht über die Ausgestaltung des Sicherstellungszuschlags für Hebammen mit geringen Geburtenzahlen einigen.

 

Die Frage der Ausschlusskriterien ist aus unserer Sicht nicht "nur" eine Diskussion darüber, ob und wie derartige Kriterien wissenschaftlich begründbar sein müssen - selbstverständlich müssen sie das sein, schließlich gibt es inzwischen dank QuAG belastbares Zahlenmaterial genau dazu! -; es handelt sich vor allem auch um eine frauenrechtliche Frage. Wieder einmal wird Frauen das Selbstbestimmungsrecht und sogar die Kompetenz zur Entscheidung über sich abgesprochen. Was für ein Rückschritt! Es ist inzwischen so weit gekommen, dass Frauen ernsthaft überlegen, angesichts der Aussichten ihre Kinder lieber allein oder als Hausgeburt in den Niederlanden zu bekommen. Die Älteren unter uns werden jetzt sofort ein anderes Thema assoziieren, bei dem es vor 30/40 Jahren hieß, "da fahre ich nach Holland"..... Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen.

 

Liebe Mitgliedsfrauen, wir werden uns diesem Ansinnen weiterhin energischst entgegenstellen. Die entsprechenden Stellungnahmen an die inzwischen neu besetzte Schiedsstelle sind geschrieben, wir warten auf den Verhandlungstermin, und wir werden diese eminent gesellschaftspolitische Frage dort entsprechend vertreten. Genauso werden wir es mit der abwegigen Vorstellung des GKV halten, die darauf hinzielt, dass die Kompetenz von Hebammen zur Betreuung physiologischer Schwangerschaften, Geburten und Wochenbetten beispielsweise am ET plötzlich endet und der Arzt zu entscheiden hat. Was für ein hanebüchener Unfug, und was für eine Herabsetzung der Hebammenexpertise!

Faktische Gesetzgebung und Gestaltung der Geburtshilfe über den Geldhahn durch die Hintertür ist mit uns nicht zu machen.

 

Elterninitiativen aller Art sind seit Monaten in dieser Richtung schwerstens aktiv und belagern Minister Gröhe und den GKV nachhaltig mit ihren berechtigten Anliegen. Dennoch mehren sich die Anzeichen, dass die Abschaffung der freiberuflichen Hebammen in allen Bereichen von der Politik gewünscht ist. GKV-Pressesprecher verkünden im Radio, Wochenbettbetreuung müsse ja nicht von freiberuflichen Hebammen geleistet werden. Minister Gröhe antwortet auf Bürgerfrage, ob es denn in drei Jahren noch freiberufliche Hebammen geben werde, dass dann in Deutschland eine noch bessere Geburtshilfe als bisher vorhanden sein werde. Der GKV gibt uns schriftlich, es gebe ja einen Versorgungsauftrag der Kliniken.  Da reibt man sich doch die Augen: Will man uns plötzlich alle anstellen? Oder verstaatlichen?

 

Hat man übersehen, dass ein Drittel aller Geburten von Freiberuflerinnen geleitet werden? Dass Wochenbettbetreuung und Hebammenhilfe überhaupt eine aufsuchende (!) Betreuung ist? Dass jedweder Ansatz der Frühen Hilfen, die so vollmundig propagiert werden, über die freiberuflichen Hebammen geht? Dass schon jetzt die Bewerbungszahlen für den Hebammenberuf allenthalben enorm fallen? Dass die Versorgung der Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen schon jetzt in Stadt und Land nicht mehr gewährleistet ist, in Zeiten, in denen Ärzte immer weniger Zeit für die Frauen haben, immer früher nach Hause entlassen wird und die Unsicherheit und der Beratungs- und Unterstützungsbedarf der Frauen und Familien immer größer wird? Dass Kreißsäle wegen Hebammenmangel  ganz oder vorübergehend geschlossen und Gebärende abgewiesen werden und dass Kliniken Notfallsprechstunden für all die Wöchnerinnen ohne Hebamme einrichten? Dass Frauen mit dem Wunsch nach außerklinischer Geburt inzwischen im Grunde genommen schon vor der Empfängnis eine Hebamme oder ein Geburtshaus suchen müssen? Welche Folgen haben diese Zustände für die Qualität der Versorgung der Frauen und Kinder?

 

Das ist alles nicht geeignet, für die Frauen und Familien das Sicherheitsgefühl zu erzeugen, das es braucht, um Kinder in die Welt zu setzen. Dafür reicht es nämlich nicht, dass der DAX gut steht.

Es ist erst recht nicht geeignet, Hebammen die Planungs- und Existenzsicherheit zu geben, die jeder Mensch bei seiner Berufsausübung braucht. Wer bei so unsicheren Aussichten seinen Beruf trotzdem weiter ausübt, ist schon aus besonderem Holz geschnitzt. Geduld und Durchhaltevermögen sind wohl mit die wichtigsten Eigenschaften, die Hebammen brauchen.


Hebammen: Früher verbrannt – heute verheizt?

Es ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt: Hebamme. Das erste Hebammenlehrbuch wurde 117 von Soranos von Ephesos verfasst. Bereits von der Mutter des griechischen Philosophen Sokrates ist bekannt, dass sie Hebamme war. Er selbst verglich die Arbeit dieser Frauen mit seiner pädagogischen Lehre der Mäeutik und liefert damit eine recht treffende, noch heute gültige Umschreibung der Aufgabe von Hebammen. Danach erreicht eine Person Erkenntnis, indem sie durch geeignete Fragen veranlasst wird, Einsicht zu einem Sachverhalt selbst zu „gebären“. Der oft verwendete Begriff „Entbindung“ kann deshalb auf das alte Hebammen-Handwerk nicht angewendet werden.

Denn die Hebamme entbindet Mitnichten das Kind. Vielmehr unterstützt sie die Frau auf dem Weg dies selbst zu tun. Ihr kommt die Rolle des Aufnehmens (Hebamme =Hev(i)anna: Ahnin, die das Kind aufhebt/hält) zu. Gleichzeitig ist sie als „weise Frau“, die Expertin für die physiologische Geburt. Sie beurteilt den Entwicklungs- und Gesundheitszustand von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und auch im Wochenbett, kann krankhafte Verläufe erkennen und notwendige Maßnahmen veranlassen. An dieser zentralen Rolle der Hebammen für Schwangere, Gebärende, Wöchnerinnen und ihre Kinder hat sich bis heute im Prinzip nichts geändert.

Ihr Wissen machte die Hebammen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zum Ziel unbegründeter Ängste und Anfeindungen. Sie wurden verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Gleichzeitig bekamen Ärzte und damit Männer immer mehr Einfluss auf Schwangerschaft und Geburtshilfe. Sie verfassen Lehrbücher und legen Regeln für den Ablauf von Geburten fest. Zunächst müssen sie dabei noch auf Schilderungen von Hebammen zurückgreifen. Lange war es ihnen selbst nicht gestattet bei Geburten zugegen zu sein, oder Frauen „dort“ zu berühren.

Mit der Entwicklung des Arztwesens und dem gesellschaftlichen Aufstieg des Arztes zum geachteten Mitglied der Gesellschaft, setzt in der „zivilisierten Welt“ eine Art feindliche Übernahme der bisherigen Hebammendomäne ein. Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich die Frau, die es sich leisten kann, von Ärzten entbinden. Narkosen sind dabei durchaus üblich. 

Die damals noch unbekannten Folgen mangelnder Hygiene führen in den Kliniken zu einer hohen Sterblichkeit bei Mutter und Kind. Die Geburtsverläufe sind komplizierter, als die jener „armen“ Frauen, die Zuhause im Kreise erfahrener Frauen und Hebammen entbinden. Dieses Phänomen ist als Interventionsspirale auch heute noch bekannt. Mehr als 100 Jahre später werden in Deutschland 98 Prozent aller Kinder im Krankenhaus geboren. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft spiegelt sich auch in der mangelnden Anerkennung der Professionalität von Hebammen wieder.

Interessanterweise bezieht sich dies nicht allein auf die Bezahlung. Die Meinung von Ärzten zählt auch bei den Frauen oft weitaus mehr, als die der Hebamme, die als Expertin für die Geburt über ein wesentlich tieferes Fachwissen verfügt. Frauen haben verlernt, auf die Kompetenzen der Hebammen zu vertrauen. Stattdessen gelten Ärzte als die Spezialisten für Geburten, die aber für das Erkennen und Behandeln von Pathologien, nicht aber für den zumeist gesunden Verlauf von Geburten ausgebildet sind, Diese Tendenz ist international zu erkennen.

Deutsche Hebammen arbeiten heute zumeist in Kliniken unter ärztlicher Leitung. Obwohl die evidenzbasierte Medizin die Entwicklung der Gesundheit der Bevölkerung maßgeblich vorangetrieben hat, werden die für die Geburtshilfe vorliegenden Daten nur wenig beachtet: Die Betreuung einer Schwangeren während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett durch eine Hebamme im Schlüssel von 1:1 gilt nachgewiesenermaßen als höchstmöglich sichere Betreuung einer gesunden Geburt und beste Voraussetzung zur interventionsarmen Begleitung bei pathologischen Verläufen sowie deren Erkennen.

Die Arbeitssituation für deutsche Hebammen hat sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verschlechtert. Die Vergütung freiberuflicher Hebammen reicht kaum aus, um die Betriebskosten zu erwirtschaften. Der Anstieg der Kosten für die Haftpflichtversicherung von wenigen hundert auf über 6.200 Euro jährlich für eine geburtshilflich tätige Hebamme, macht eine Berufsausübung wirtschaftlich nahezu unmöglich. Gleichzeitig steigen die Kaiserschnittraten. Jede dritte Geburt ist in Deutschland eine Sectio, obwohl die WHO lediglich 12 bis 15 Prozent für medizinisch notwendig hält. Nur noch acht bis 10 Prozent der Geburten erfolgen ohne medizinische Interventionen. Jede 5. Hebammenstelle bleibt auch an Kliniken unbesetzt. Immer mehr Frauen erfahren seelisch traumatische Geburten, da die Kreißsäle unterbesetzt sind und viele Ärzte die physiologischen Geburtsabläufe nicht mehr kennen. Der Altersdurchschnitt der Hebammen steigt. Besonders Berufseinsteigerinnen verlassen fluchtartig die Kreißsäle.Echte Lösungen fehlen seit Langem. Geburten sind an den Kliniken zum Wirtschaftsfaktor verkommen.

Seit 2010 regt sich nun Protest, der im vergangenen Jahr massiv lauter geworden ist. Familien und Hebammen gehen gemeinsam auf die Straße. Versuchen mit Petitionen und Aktionen die Politik zum Handeln zu bewegen. Über 650.000 Unterschriften sammelten sie allein 2014 in verschiedenen Aktionen. Jüngstes Kind des Protestes ist der kürzlich gegründete Verein „Mother Hood – Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und im 1. Lebensjahr“, der über seine Internetauftritte über 70.000 Menschen erreicht. Doch die Politik reagiert zögerlich. Gesunde Geburten sind für die Krankenhauslobby und Pharmaindustrie kein Geschäft. Während andere europäische Länder wie Großbritannien oder auch in Skandinavien, dank durch Studien bestätigter Sicherheit, vermehrt wieder auf alternative Geburtsformen im außerklinischen Bereich zurückgreifen, ist die deutsche Gesundheitspolitik nicht einmal in der Lage zumindest die Haftpflichtversicherung für die Berufsausübung der Hebammen abzusichern. Ab 2016 gibt es nach heutigem Erkenntnisstand keinen weiteren Anbieter zur Versicherung geburtshilflicher Tätigkeiten. Dei Folgen dieser Entwicklung sind katastrophal: Das System der Wochenbettbetreuung steht vor dem Aus. Kreißsäle und Geburtshäuser schließen. Die Wege zu den Kliniken werden länger. An eine freie Wahl des Geburtsortes, wie der EuGH dies 2010 in seinem Ternovzsky-Urteil 2010 definiert hat, ist angesichts solcher Umstände gar nicht zu denken. 

Vielmehr müssen wir die Frage stellen, ob Geburtshilfe in Deutschland noch sicher ist.

Die Verliererinnen sind die etwa 18.000 Hebammen - vor allem jedoch die Frauen, welche jährlich rund 670000 Kinder auf die Welt bringen.

Dieser Beitrag wurde von der Organisation Mother Hood zum Thema Frauen und Gesundheit eingereicht. 

zum Weiterlesen & Aktiv werden

http://www.juramama.de/2014/02/deutschen-frauen-werden-die-hebammen.html 

 

für diejenigen, die sich gerne aktiv am Weiterbestand der Hebammenbetreuung beteiligen möchte, sind diverse Facbook-Gruppen interessant:

https://www.facebook.com/pages/Rettet-unsere-Hebammen/218817101657483

 

http://www.change.org/de/Petitionen/lieber-herr-gr%C3%B6he-retten-sie-unsere-hebammen